Digitale Demenz

 

27.04.2017 Ravensburg

Eine Pille mit jeder Menge Nebenwirkungen 

 

„Diese Pille hat keine Wirkung aber jede Menge Nebenwirkungen.“ Mit diesen Worten warnte der renommierte Ulmer Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer  an der DHBW Ravensburg vor den Auswirkungen der schönen neuen Digitalwelt vor allem auf Kinder und Jugendliche. Rund 200 Zuhörer kamen zu dem Vortrag, veranstaltet vom Weiterbildungsinstitut IWT und vom Professorinnen-Netzwerk der DHBW Ravensburg.

 

Es klingt nicht selten wie Comedy oder Science Slam, wenn Prof. Spitzer seine Thesen über die digitale Demenz verkündet. Und doch merkt man ihm trotz des lockeren Tons an, dass das Thema ihn ernsthaft umtreibt. Er polarisiert, seine Bücher werden kontrovers diskutiert. Dass er auch mit Anfeindungen konfrontiert ist, lässt ihn alles andere als kalt. All das war bei dem Vortrag an der DHBW Ravensburg für sein Publikum präsent. 

Dieses bestand an dem Abend aus Menschen, die sich ähnliche Sorgen machen wie er. „Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“ lautet der Untertitel seines Buches „Digitale Demenz“. Schon seit Jahren setzt er sich vehement aus Sicht des Gehirnforschers dafür ein, dass Kinder dass Kinder so viele wie möglich Erfahrungen in der realen Welt machen – und auf diese Weise lernen. Und zwar so früh wie möglich. Die Lernfähigkeit ist bis zum Schulalter am größten und nimmt dann rapide ab, so Spitzer. Dem entgegen steht die Nutzung von Computern, Facebook, Onlinespiele und Co., die seiner Ansicht nach genau das Gegenteil bewirken. Den Computer nennt er „Lernverhinderungsmaschine“. Smartphones und Co. sind seiner Ansicht nach die Ursachen für Stress, Depressionen, Schlafmangel, schlechte Augen und vieles mehr. 1500 Studien stützen seine Schlussfolgerungen. Ein ganzes Feuerwerk an Argumenten brennt der Neurowissenschaftler ab. Der Mann redet sich in Rage. Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. 

„Feinde“ hat er zur Genüge. Was er sagt, passt auch vielen Bildungsexperten nicht, die etwa lieber ganze Schulklassen mit Computern ausstatten wollen, oder die im Zuge von Industrie 4.0 Kinder so früh als möglich in die digitale Welt mitnehmen wollen. Spitzer kontert. „Die reichsten Firmen der Welt machen Geld auf Kosten der Gesundheit und Bildung der nächsten Generation.“ Nur wer über Bildung verfügt, so Spitzer, kann mit Computer und Google auch sinnvoll umgehen. 

An der DHBW Ravensburg hatte er das Publikum auf seiner Seite. Sie beobachten in ihrem Alltag ähnliches und holten sich so manchen konkreten Rat, den der Professor aus Ulm am Ende auch gerne gab.